10th Berlin Biennale for Contemporary Art 9.6.–9.9.2018

Ein Interview mit Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick von Nancy Spector

Nancy Spector: Ich möchte auf das zurückkommen, was ihr gerade über Räume gesagt habt, weil das ein wesentliches Element für eure Biennale zu sein scheint. Ihr habt euch dafür entschieden, die ganze Ausstellung in einer Straße zu machen und dabei unterschiedliche Räume zu benutzen, von denen einige recht ungewöhnlich sind, etwa ein Ballsaal, ein Friedhof, eine alte Schule und sogar einige Privatwohnungen. Warum habt ihr euch dagegen entschieden, einen Museumsraum wie den Martin-Gropius-Bau zu nutzen, der ja ein zentraler Ort für die 3. berlin biennale war?

 

Ali Subotnick: Wir glauben, dass Institutionen ähnlich wie Menschen, Ideen und Strategien sind. Sie sind Software, keine Hardware. Räume sind also wichtig, aber noch wichtiger ist, was man mit ihnen machen kann. Uns kam die Idee, die Ausstellung in einem institutionellen Raum stattfinden zu lassen, wie eine Einschränkung vor: Es gibt nicht viele Menschen in Berlin, die Kunst in solch einer sauberen, festgelegten Umgebung machen oder sehen. Wir hatten einfach das Gefühl, das sei falsch.

 

Massimiliano Gioni: Außerdem wollten wir die Ausstellung mit einer ganzen Reihe neuer Orte verbinden. Und die Idee einer Biennale, die einfach entsprechend der Bedürfnisse und der jeweiligen Atmosphäre den Ort wechselt, war einfach zu verlockend, als dass wir ihr hätten widerstehen können. Es ist etwas ganz Einzigartiges, das sich nur eine junge Biennale erlauben kann, und das auch nur in einer Stadt wie Berlin. Als wir herkamen, haben wir erst einmal sehr viel Zeit damit verbracht, nach Räumen zu suchen. Alle haben uns gesagt, in Berlin könne man fantastische Orte finden. Ein Großteil des Mythos dieser Stadt hat also mit den vielen Orten zu tun, die den KünstlerInnen zahlreiche Möglichkeiten eröffnen, aber all diese leer stehenden Räume erinnern dich auch daran, dass manche Dinge in dieser Stadt nicht wirklich funktionieren.

 

Spector: Ali, du hast den Titel „Von Mäusen und Menschen“ erwähnt, der sich offenkundig auf John Steinbecks Roman bezieht. Das Buch stammt aus den 1930er Jahren, was mir eine seltsame Wahl für eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst zu sein scheint, aber es ist auch ein Buch über Einsamkeit, Isolation, Mord und Kaltherzigkeit. Habt ihr also eine Ausstellung über Grausamkeit und Einsamkeit gemacht?

 

Subotnick: Nicht gerade Grausamkeit, aber ganz sicher gibt es eine gewisse Traurigkeit in der Ausstellung, ein Gefühl von Dunkelheit und natürlich Einsamkeit. Und Steinbecks Roman war ebenfalls bittersüß, indem er die sentimentale Beziehung mit einem tragischen, scheinbar unvermeidlichen Ende verknüpft hat. Wir hoffen, dass die 4. berlin biennale nicht einfach nur eine Liste mit Namen, sondern eine kohärentere Ausstellung mit wiederkehrenden Stimmungen und Spannungen sein wird.

 

Maurizio Cattelan: Für mich ist es eine Ausstellung über Menschen, die sich wie Tiere benehmen, und über Tiere, die beängstigend und ängstlich wie Menschen aussehen. Es ist eine Ausstellung über das Loslassen, über das Verlieren, das Aufgeben, manchmal auch über das Sterben. Irgendwie ist es also eine Ausstellung über das Leben, aber ein Leben, das auf seine Grundelemente reduziert ist: Man wird geboren, man lebt, und man stirbt.

 

Gioni: Wir haben nicht gerade an einer Themenausstellung gearbeitet, aber wir hoffen, einige Verbindungen und Geschichten mit offenem Ende geschaffen zu haben, in denen die Kunstwerke und Räume gemeinsam wirken. Eine Option wäre gewesen, einfach der zeitgenössischen Kunst den Puls zu fühlen, aber die Situation ist so komplex geworden, dass wir meinten, auch eine Auswahl treffen und stärkere Verbindungen zwischen den einzelnen Werken herstellen zu müssen. Heutzutage scheinen Kunstmessen ein neues Modell für die Kunstbetrachtung geworden zu sein. Wir glauben, dass Biennalen vielleicht einen Vorteil im Vergleich zu Festivals haben. Sie können einen Kontext oder zumindest eine Atmosphäre, eine Erfahrung bieten. Deshalb waren die Räume so wichtig, und deshalb haben wir sie mehr oder weniger so gelassen, wie wir sie vorgefunden hatten.

 

Subotnick: Und schon John Steinbeck selbst hat ja den Titel entlehnt. Er nahm ihn sich von einem Gedicht des schottischen Dichters Robert Burns aus dem 18. Jahrhundert

 

Spector: Standen euch die Räume schon vor Augen, als ihr die KünstlerInnen ausgewählt habt? Welche Kriterien hattet ihr?

 

Cattelan: Wir hassen das Wort Kriterien; das klingt so, als ginge es bei der Kunst um einen Wettbewerb oder eine Prüfung.

 

Subotnick: Wahrscheinlich ist es noch schlimmer als das Wort „Konzept“...

 

Gioni: Wir haben KünstlerInnen ausgewählt, deren Werk uns interessiert und uns auf verschiedenen Ebenen anspricht, KünstlerInnen mit denen wir mehr als einmal reden wollten. Und ja, manchmal haben wir KünstlerInnen ausgewählt, die an einem merkwürdigen Ort etwas Ungewöhnliches machen konnten. Aber die KünstlerInnen kamen immer vor den Räumen. Wenn ich das Wort Kriterium höre, wird mir ganz schlecht. „Haben Sie bestimmte Kriterien, nach denen Sie ihre Frau aussuchen?“ Das ist einfach superzynisch.

 

Spector: Aber es muss doch eine Art Prinzip geben. Was verbindet alle diese KünstlerInnen miteinander? Letztlich klingt das wie eine Zufallsliste von KünstlerInnen, wie eine ganz normale Biennale.

 

Subotnick: Man könnte unsere Ausstellung als ein Schatztruhe beschreiben, die mit den Menschen und Kreationen gefüllt ist, die uns faszinieren, Erregung, Aufregung, Traurigkeit oder Neugier auslösen, aber auch Verärgerung, Melancholie und Zorn. Es ist auch eine Art Mikrokosmos, der eine größere Welt widerspiegelt, die von wachsender Gewalt, Unvorhersagbarkeit und Paranoia beherrscht wird, vom Gefühl von Angst und Furcht – eine Furcht in jedem von uns, die uns wie in einem Spiegel vorgehalten wird.

 

Gioni: Es ist unsere eigene Arche: vielleicht ein Ort für Dinge, die wir aufbewahren möchten. Den KünstlerInnen in dieser Ausstellung ist eine dunkle Intensität gemeinsam; sie schwanken zwischen Schönheit und Erniedrigung, zwischen Ekstase und Skatologischem, zwischen Verführerischem und Unheimlichem.

 

Cattelan: Sie scheinen aber auch ein Gefühl für die Geschichte zu haben oder zumindest zu wissen, dass sie Teil eines wesentlich umfassenderen, langsameren Prozesses sind. Als ob sie immer schon gewusst hätten, dass das Ende nah ist. Vielleicht liegt es aber auch nur an uns, wir sind zu pessimistisch.

 

Subotnick: Was wir ganz sicher nicht machen wollten ist eine Ausstellung mit neuen Trends. Wir wollten nicht so tun, als hätten wir irgendetwas entdeckt. Entdecken ist noch so ein schreckliches Wort, als seien KünstlerInnen eine Art unterentwickelte Spezies, die ein paar KuratorInnen benötigt, die ihnen sagt, wie sie sich verhalten soll.

 

Cattelan: Wir sind diejenigen, die eine Lektion in Sachen Verhaltensänderung nötig haben.

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