Gabriele Horn

Direktorin,  KW Institute for Contemporary Art,  Berlin

In den vergangenen Monaten haben Teile der Kunstszene kulturpolitischen Gestaltungsanspruch erhoben: Die Initiative »Haben und Brauchen« hat Anfang des Jahres 2011 mit einem offenen Brief1 an den Regierenden Bürgermeister den Stein ins Rollen gebracht. Im Februar hat der Rat für die Künste das Positionspapier »Kultur macht Berlin«2 herausgegeben, und der bbk reagierte im März mit »Was braucht die Bildende Kunst in Berlin?«3. Die Initiative »Stadt Neudenken« veröffentlichte am 26. Juli einen offenen Brief4, und am 2. August hat sich die Stiftung »Zukunft Berlin« mit einem Papier zum Thema »Kultur und Stadtentwicklung« in Stellung gebracht.5 Der sich darin artikulierende, anhaltende Protest ist vor allem Folge einer zunehmenden Kommerzialisierung von Kunst und Kultur. Denn deren strategischer Gebrauch zur Formulierung und Durchsetzung politischer, ökonomischer und repräsentativer Interessen bedroht den Reichtum der Kunst- und Wissensproduktion in dieser Stadt.

 

Berlin hat sich verändert, und die Veränderung geht nicht spurlos an den Institutionen und AkteurInnen vorbei. Die aktuellen Diskussionen spiegeln das, was die KW Institute for Contemporary Art – neben der Geldbeschaffung – tagtäglich bewegt: Wie (un-)abhängig, frei und handlungsfähig sind wir (noch)? Wie treten wir der Vereinnahmung, Neutralisierung und Instrumentalisierung kritischer Potenziale entgegen? Bin ich Gentrifiziererin? Und sind Berlin-Biennale-KuratorInnen Günstlinge der Kulturpolitik? Wie gestaltet sich der Umgang mit dem Kunstmarkt und seiner zunehmenden Autorität? Wie sieht der heutige Auftrag einer Institu­tion aus – in Kenntnis und illusionsloser Betrachtung der alles verschlingenden Ökonomisierung?

 

Als Institution ist man Teil dieser Prozesse, und eine nicht ausreichende öffentliche Förderung zwingt einen geradezu, sich in »schuldbeladene« Ko-Abhängigkeiten zu begeben – das ist Realität und Folge einer neoliberalen Politik. Für die KW ergibt sich daraus eine Gemengelage aus öffentlicher Grundfinanzierung, jeweils neu zu beantragenden Projektmitteln und privater Unterstützung – auch seitens des Marktes. Das führt zu einem täglichen Ringen um inhaltliche Freiheit bei gleichzeitiger Abwägung unterschiedlichster Interessen. Die KW sind durch die politischen Diskussionen und die Rückgabe öffentlicher Fördermittel für das Projekt Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung (2005) einerseits ein gebranntes Kind. Andererseits ermöglichen uns die Förderungen durch die Kulturstiftung des Bundes, insbesondere im Fall der Berlin Biennale, eine einmalige Freiheit. Aber die Räume sind enger geworden, und es kostet Kraft, den Kopf rund zu halten, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Doch darin liegt eine wesentliche Verantwortung, egal in welchem Teilsystem der zeitgenössischen Kunst jede / r Einzelne sich bewegt.

 

Diejenigen, die die politischen Rahmenbedingungen abstecken und verhandeln, sind vor allem die lokalen PolitikerInnen. Es mag sich für einige naiv anhören und als ein langer Marsch erscheinen, aber dennoch: Die künftige Regierung in Berlin sollte einen ergebnisoffenen Dialog initiieren und sich auf Augenhöhe von dem in der Stadt vorhandenen Wissen sowie dem Sach- und Fachverstand leiten lassen. Die politisch Verantwortlichen der Ressorts Kultur, Stadtentwicklung, Bezirke, Lie­genschaften, Wirtschaft und Finanzen sollten den Akteur­Innen aus Kunst, Stadtentwicklung und Architektur zuhören, die noch losen Enden des Prozesses an einem Runden Tisch zusammenführen und sich einen Überblick verschaffen, um die notwendige Veränderung einzuleiten und die Rahmenbedingungen einer mittel- und langfristigen Perspektive für die Kultur in der Stadt Berlin zu entwickeln. Mut und Kraft zum Innehalten sind ebenso gefordert wie die Instrumente der Demokratie.

 

1 http://www.habenundbrauchen.kuenstler-petition.de (Zugriff am 28. August 2011).

 

2 http://www.rat-fuer-die-kuenste.de/dokumente/Positionsopapier_RfdK_final.pdf (Zugriff am 28. August 2011).

 

3 http://www.bbk-berlin.de/con/bbk/upload/textarchiv11/Was_Braucht_berlin_Positionspapier_des_bbk_berlin_03-2011.pdf (Zugriff am 28. August 2011).

 

4 http://stadt-neudenken.tumblr.com (Zugriff am 28. August, 2011).

 

5 http://www.stiftungzukunftberlin.eu/de/grundsatzpapier-zu-kultur-und-stadtentwicklung (Zugriff am 28. August 2011).

Kommentare

  1. Denhart von Harling

    In diesem Zusammenhang ebenfalls interessant ist das Positionspapier des Berliner Netzwerks freier Projekträume und -Initiativen:
    http://www.projektraeume-berlin.net/

  2. Michael Springer

    Was braucht die Bildende Kunst – was brauchen die Bildenden Künstler in Berlin?

    1. Einen Platz, auf dem mindestens 1 Bild in Augenhöhe zum Bundeskanzleramt gehängt werden kann – diesen Wert muß Kunst haben!
    2. Das Programm “Kunst am Bau” sollte demokratisiert werden, mehr Wettbewerb, mehr kleine Lose, auch mehr Innenarchitektur.
    3. “Kunst am Bau” sollte künftig künstlerische Wertschöpfung durch neue Sinngebung zusätzlich honorieren!
    4. Berlin braucht ein Programm “Kunst im Bau”, das Atelier- und Projekträume in einem Raumanteil sichert, als “kreativer Zwischenraum”.
    5. Kunst muß neue Räume finden und erobern können – 50% des Stadtgebietes gehören der Kommune = Neueroberungsgraum!
    6. Urbane Pioniere und Künstlerische Pioniere sollten herausfordernde Aufgaben bekommen, ausgelobt durch Bauherren & Kommune.
    7. Artists in Residence sollten als Zielgruppe besser unterstützt werden – auch Zugang zu sozialer Grundsicherung auf Zeit erhalten.
    8. Berlin kann nicht unbegrenzt immer neu “Kunst” und “Künstler” importieren – es muß auch Kultur- und Kunst-Export geben.
    9. Künstlerische Qualität muß ausgezeichnet und gefördert werden. Neben Markt und Selbstvermarktung brauchen wir auch mehr
    Institute, Gremien und Preise, die Anerkennung verleihen und weltweite Aufmerksamkeit hervorrufen.
    10. Wir brauchen “Weltspielfähigkeit”, für das Individuum, für Projekte, für Formate, Genres und Gattungen. Diese Weltspielfähigkeiten können nur mit internationalen Projekten und Projekträumen entwickelt und gefördert werden.

    herzlicher Gruß aus dem Hubschrauber, der über den Debatten kreist!
    Michael Springer

  3. Michael Springer

    Eine Kunsthalle und die Neuinszenierung der Bildenden Kunst

    Was braucht die Bildende Kunst – was brauchen die Bildenden Künstler in Berlin? Zuerst eine Aufwertung im Orchester der Kulturpolitik und im Verhältnis zu den anderen Künsten. Warum?

    Die Bildende Kunst ist die letzte Domäne des freien und unvernetzten Individuums – das ganz mit sich und dem Werk in Resonanz tritt. Die Art und Weise, wie ein Künstler originäre neue Wirklichkeiten und Widersprüche erschafft ist wichtig für die menschliche Kultur – weil sie sich nur so grundlegend befragen und erneuern kann. Die Kunst selbst und der individuell schaffende Künstler müssen in einer sich immer dichter vernetzenden Welt auf neue Weise geschützt werden.
    Der Künstler wird auf ganz neue Art gebraucht – weil er als Individuum frei schafft und wirkt. Es ist ein Korrektiv für seine Zeitgenossen, die sich immer mehr vernetzen, immer mehr auf Kommunikation bauen – und sich der Performanz sozialer Sprachen und Sprachwelten überantworten – und ihre Individualität gegen virtuelle und fiktive Netz-Wirklichkeiten verteidigen müssen.

    Es gibt noch tausend andere wichtige Begründungen für den Wert der Kunst … aber diese erschien mir zeitgemäß und wichtig!

    Meine Forderung nach “einen Platz, auf dem mindestens 1 Bild in Augenhöhe zum Bundeskanzleramt gehängt werden kann” soll die Bildende Kunst in ihren Stellenwert neu positionieren. Kunst, Bildkunst und Skuptur und visuelle Künster müssen das ganze Land aufregen können, und auch Kunstdebatten auslösen können.

    Die Bildende Kunst nimmt in Deutschland eine Nebenrolle ein – wenn man sie in Beziehung zu den anderen Gattungen stellt. Im Berliner Kulturetat sind rund 1% für die Bildende Kunst etatisiert – zu wenig, wenn man das aktive Feld der Bildenden Kunst und den Kunstmarkt in Relation setzt. Das Feld der visuellen und bildnerischen Künste diffundiert heute in immer mehr Bereiche hinein, die nicht allein von Kulturpolitik und Kunstförderung in den Blick genommen sind. Kunst am Bau, private Förderung, Stiftungen und Mäzenatentum und ein gewachsener internationaler Kunstmarkt sind über politische Steuerungsfelder hinaus wirksam geworden.

    International erringt die Berliner Kunstszene Achtungserfolge – aber der unstete Erfolg in Berlin liegt vor allem in einem kleinen Oligopol erfolgreicher Galeristen und weniger Künstler verankert. Eine große Kunstmesse wie in Basel, oder Institutionen wie das MoMA in New York fehlen in Berlin.

    Es fehlt ein zentraler Ort, ein Forum und eine Agora der Kunst – die stete und ruhige Präsenz und Experimentation erlaubt. Zugleich sollte es ein Ort sein, mit Strahlkraft – der auch auf die ganze Szenerie ausstrahlt – auch spekulative Wirkung und Wertsteigerung und Reputation verleihen kann.

    Eine Kunsthalle – so die Ausgangsidee, sollte der Bildenden Kunst in der deutschen Hauptstadt ingesamt mehr Gewicht verleihen.
    So wie ich den Bürgermeister Klaus Wowereit bislang verstanden hatte, sollte eine Kunsthalle an einem zentralen Ort so eine Institution werden.
    Es geht dabei auch um “Weltspielfähigkeit” der Bildenden Kunst – die im Konzert der anderer großen Kunststädte wahrgenommen wird, Geltung erlangen kann, und Deutung und Ruhm.

    Ganz sicher kann man so eine “Kunsthalle” neu konzipieren, ohne andere große Museen moderner Kunst zu kopieren.

    Es sollte eine Kunsthalle für große Ereignisse und Debatten, eine szenische Infrastruktur für eine Bildende Kunst und ihr Marktumfeld werden.
    Natürlich kann so eine Kunsthalle nicht von Künstlern geplant werden. So etwas war bislang immer “undemokratische Investorenkunst” und “kreative Setzung” – wie etwa ein Museum Ludwig, das gestiftet wurde, oder eben ein Erbe großen Mäzenatentums.

    Eine politisch begründete Akademie-Lösung wäre wohl kaum noch zeitgemäß – ein unendlicher Kampf um Kulturhoheiten und Stimmrechte wäre die Folge.

    Aber: ein vorausschauender Investor fehlte bisher in Berlin – und der schmale Versuch des White Cube scheiterte am Schloßplatz – vielleicht auch, weil er sich mehr an den touristischen Flaneur richtete – der ganz andere Attraktionen sucht.
    .
    Eine Kunsthalle in der deutschen Hauptstadt kann natürlich nicht allein von Berliner Künstlern und Galeristen diskutiert und abgelehnt werden – sie sind im Sinne der Kommunalverfassung “befangene Bürger”.

    Eigentlich wäre es ein Projekt aller Bundesländer – die aber in eigener Landes-Eitelkeit denken – und lieber eigene Projekte vor Ort pflegen und wünschen. Und heute kann so eine Kunsthalle auch nicht aus dem kommunalen Topf Berlins finanziert werden – weil es sofort “existenziellen Neid” wecken würde.

    Und nun ist es ruhig geworden um die größte Idee – der Bildenden Kunst mehr Bedeutung in der Hauptstadt zu verleihen.

    Aber vielleicht gibt es noch eine ganz andere, rettende Idee!

    Die Berliner Kunstszene steckt in einer strategischen Wachstumsfalle: so wie bisher lässt sich der Bildenden Kunst nicht mehr Gewicht und dem Berliner Kunstmarkt mehr weltweite Bedeutung verleihen.

    Die Idee einer Kunsthalle, in der Bildende Kunst auf “Augenhöhe mit dem Regierungsviertel” und in der “nationalem Aufmerksamkeit” gezeigt wird – sollte im Interesse aller Künstler nicht einfach ad Acta gelegt werden.

    Wichtig ist ein ein fundierter Neuanfang – ein Neudenken des Projektes! Und es gibt dafür Anlaß genug!

    Der Neubau des Bundesbildungsministeriums am Kapelle-Ufer – gegenüber dem Bundeskanzleramt – wird bis zu 400 Mio. € kosten. Hier, und auf der Fläche am Humboldthafen sind die Orte, an denen man politisch kreativ und zukunftsweisend gestalten kann!

    Eine Kunsthalle und ein Kunsthallenfoyer – das wären reine “Bau-Nebenkosten” eines großen Bundes-Bauvorhabens!

    Ohnehin werden ein paar Prozent der großen Bausumme in “Kunst am Bau” verwandelt werden – warum nicht gleich in eine “Kunsthalle am Bundesbildungsministerium”?

    Und so plädiere ich für eine “politische und konzeptionelle Setzung” des Projekts: Allein der Pflichtteil für “Kunst am Bau” würde schon reichen, um eine neue Kunsthalle zu bauen.

    Zudem: Hauptbahnhof und das darum entstehende Stadtviertel benötigen eine urbane und kulturelle Idee – eine kluge Aufwertung, die Städtebau, Kunst und Künstlern neuen Sinn und Wert gibt.

    Bund und Hauptstadt müssten in so einem Projekt zusammenarbeiten. Und auch ein Bildungsministerium ist aufgerufen, den visuellen Künsten mehr Raum und Bedeutung im gesamten Politikfeld einzuräumen.
    Und: es ist selbst in der Verantwortung, auch die Zukunft des künstlerischen Nachwuchs ins Blickfeld zu nehmen!

    Ich weiß keinen besseren Ort – keinen zukunftsfähigeren Ort – und keinen geeigneteren Ort – als die Bildende Kunst hier zum Anlaß und Thema zu machen!

    Bund, Kulturstiftung des Bundes, die Stadt Berlin als Hauptstadt und Bau-Genehmigungsbehörde und ein Bundesbildungsministerium sollten hier miteinander einen Vertrag machen – zugunsten der Bildenden Kunst – nicht nur der vielstimmigen bildenden Künstler allein in Berlin.

    Es wäre eine Investition in die Zukunft aller Bildenden Künstler, die sich auf dem europäischen und globalen Markt mit anderen “kreativen Kunst-Städten” in den Wettstreit der Künste begeben können. Und es wäre eine ständige Anforderung an die Politik und Bildungspolitik – sich der Kunst angemessen zu vergewissern!

    freundliche Grüße aus dem Heli

    Michael Springer

    michael.springer@gmx.de

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9. Berlin Biennale