10th Berlin Biennale for Contemporary Art 9.6.–9.9.2018
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Eine Szene aus dem Film „Born in Berlin“ von Joanna Rajkowska

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„Born in Berlin - Red Rage“; 2012; © Joanna Rajkowska

Born in Berlin

Von Joanna Rajkowska

Ich beschloss, meine Tochter Rosa im Berliner Krankenhaus Charité zur Welt zu bringen. Diese Stadt war der erste Ort, an dem sie Kontakt zur Welt aufnahm. Ihr ganzes Leben lang wird sie von nun an auf die Frage: „Wo wurdest du geboren?” antworten: „In Berlin”.

 

Ich glaube, dass der Geburtsort großen Einfluss auf das Schicksal eines Menschen und dessen Einstellung zu ihm hat. Man kehrt immer wieder dorthin zurück, wie ein Tier; man denkt an diesen Ort auf ganz besondere Weise. Rosa wird Berlin mit einem lebensschenkenden Anfang verbinden, auch wenn sie selbst sich an ihn nicht erinnern können wird. Der erste Atemzug, den sie tat, der erste Laut, den sie von sich gab, ihr erster Kampf gegen eine Infektion – all das wird für immer mit dieser Stadt verbunden sein, und nichts wird das je ändern können.

 

Berlin ist eine besondere Gemütsverfassung. Es ist eine Stadt, die ihre Geschichte nicht erträgt, die alles daran setzt, ausschließlich in der Gegenwart zu leben, sich in der einzigartigen Berliner Luft zu ergehen und im unvergleichlichen Berliner Stil.

 

Berlin weigert sich, nackt zu sein, seine Wunden zu zeigen und seine schmerzvolle Schattenseite nach den Jahren von Krieg, Nachkriegstrauma und Teilung. Berlin sehnt sich danach, eine wichtige Kulturmetropole zu sein, elegant, kühl und modern. Als Mittel dienen ihm Architektur, Kunst und herausragendes Design. Es wird überwachsen von fantastischen Gebäuden. Es schmückt sich mit Künstlern und außerordentlich attraktiver Gestaltung. Zugleich entstehen fortlaufend alternative Kunstszenen, die bloß einen Kontrapunkt zur glatten Oberfläche bieten.

 

Wäre dies das einzige Gesicht Berlins, wäre es kein Ort für Rosa. Trotz alldem sagen mir all meine Sinne, dass Berlin nicht mit sich selbst umzugehen weiß. Wie ein Mann mittleren Alters, gut aussehend, fein gekleidet, doch zugleich ausgezehrt nach jahrelangem Leiden an einer chronischen Krankheit, deren Höhepunkt lange zurückliegt. Erschöpft, nicht nur von allem, das er durchmachen musste, erschöpft auch von den Versuchen, dafür Worte zu finden, erschöpft vom Mangel an Sprache und den Schwierigkeiten, die daraus entstanden, erschöpft von den Schmerzmitteln, die er täglich braucht. Die Krankheit hat Falten und Beulen hinterlassen. Einige Stellen seines Körpers sind völlig taub.

 

Hierauf gründet meine feste, zähe und unabweisbare Beziehung zur Stadt. Ich will jene toten Stellen sehen, ich will sie berühren. Ich will, dass Rosa hier ins Leben tritt. Rosa ist meine Antwort auf Berlin. Und ein Geschenk.

von Joanna Rajkowska

 

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