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Eine Debatte von Krytyka Polityczna in den Kunst-Werken, Foto: Wojtek Kostrzewa

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Igor Stokfiszewski von Krytyka Polityczna, Foto: Jacek Taszakowski

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Artur Żmijewski und Joanna Warsza während einer Debatte, Foto: Jacek Taszakowski

Krytyka Polityczna (Politische Kritik) in Berlin

Der Krytyka-Polityczna-Klub (Klub der Politischen Kritik) in Berlin (poln. Klub Krytyki Politycznej w Berlinie) ist im Rahmen der 7. Berlin Biennale entstanden und bildet mit den Klubs in Kiew und London ein weiteres Zentrum unseres Wirkens im Ausland. Was können wir unseren deutschen Nachbarn anbieten? Gerade in einer Stadt, in der eine so große Schar sozial engagierter Aktivisten tätig ist und so viele gesellschaftlich orientierte Gruppen agieren? Was zeichnet Krytyka Polityczna vor diesem Hintergrund aus? Und warum sollen ihre Aktivitäten im Rahmen einer Initiative aus dem Bereich der Kunst stattfinden?

 

Engagierte Intelligenz

Wer sind wir? Wir fühlen uns vor allem als Erben der Tradition der engagierten Intelligenz (Intelligenzija), die sich im Russland des 19. Jahrhunderts bildete. Was ist die engagierte Intelligenz? Dieser Begriff bezeichnet jenen Teil der gebildeten Mittelschicht, welcher sein Wissen, sein symbolisches Kapital und die Fähigkeit, die Welt zu verstehen, als Verpflichtung gegenüber den schlechter situierten Gesellschaftsschichten erachtet. Eine Verpflichtung, die sie zur Hingabe für eine Verbesserung der Existenz aller Menschen leitet. Unabhängig von dem Gebiet, mit welchem sie sich beschäftigt – sei es Aktivismus, Bildungsarbeit, wissenschaftliche Arbeit, künstlerische Betätigung oder Publizistik –, versteht sie ihr Handeln als Dienst zum Wohle der Allgemeinheit. Dieses Ethos hat das ganze 20. Jahrhundert überlebt, anfangs in den linken Strukturen der Vorkriegszeit, nach dem Krieg dann in der antikommunistischen Dissidenten-Bewegung Mittelosteuropas.

 

Eine starke Organisation

Es war gerade die engagierte Intelligenz, die in der Zeit des kommunistischen Regimes die Dissidenten-Bewegung Mittelosteuropas initiierte. Gesellschaftsaktivisten, Wissenschaftler und Künstler nahmen die Herausforderung an, sich den Machthabern zu widersetzen und sich für eine Veränderung des politischen Systems einzusetzen. Wie kann man dies effektiv tun? Diese Frage führte sie dazu, ein Modell einer starken Organisation zu entwickeln, die sich auf eine möglichst große soziale Bewegung stützt. Die erste solche Organisation war das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (poln. Komitet Obrony Robotników, KOR), später kam es zur Gründung der Gewerkschaft Solidarność (Solidarität).

 

Krytyka Polityczna ist eine Initiative, deren gesellschaftliche Praxis von gerade diesen Erfahrungen inspiriert wird. Die Lektion, die wir aus der Geschichte der Dissidenten-Bewegung gelernt haben – mithilfe von Zeitzeugenberichten ihrer Mitglieder oder durch die Zusammenarbeit mit einigen ihrer Akteure –, ist die, dass eine erfolgreiche Transformation der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit auf einer möglichst starken Organisation basieren sollte, die von einer möglichst breiten sozialen Bewegung getragen wird. Polen ist ein Land, in dem eine Gruppe von engagierten Intellektuellen sich dazu entschloss, mit ihrem Wirken auf den Sturz des kommunistischen Systems hinzuwirken – nach nicht ganz zwei Jahrzehnten existierte das System tatsächlich nicht mehr. Veränderung ist möglich.

 

Welche Bedingungen sollte eine Organisation erfüllen, die sich zum Ziel setzt, solch eine Veränderung herbeizuführen oder schöpferisch für eine solche zu mobilisieren?

 

Die Organisation sollte in universellen Kategorien denken, die Realität in ihrer ganzen Komplexität erfassen, die lokale Dimension globaler Probleme erkennen und in der Lage sein, lokale Probleme in globale Lösungen umzuwandeln.

 

  • Sie sollte fähig sein, Antworten sowohl auf Fragen zu kleineren örtlichen Problemen als auch zu internationaler Politik oder Entscheidungen in wirtschaftlichen Angelegenheiten zu geben.
  • Sie sollte eine Brücke zwischen verschiedensten Milieus und Bereichen gesellschaftlicher Aktivität werden. Daher sollte sie Akademiker, Künstler und auch Journalisten zum sozialen Engagement anregen, indem sie zeigt, dass gesellschaftliches Handeln der allgemeine Rahmen ist, in dem auch andere Aktivitäten stattfinden sollten.
  • Sie sollte eine Plattform für die unterschiedlichsten Milieus sein, die in einem Themenbereich tätig sind, z.B. sollte sie Berufspolitiker und anarchistische Aktivisten oder engagierte Publizisten und Intellektuelle mit anderen Bildungsaktivisten verbinden usw.
  • Sie sollte so weitläufig wie möglich handeln – mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln öffentlicher Aktivität: in der sozialen Praxis (durch direktes Handeln und in Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen), im publizistischen Umlauf (durch Zusammenarbeit mit den Massenmedien), im intellektuellen Umlauf (durch die Publikation von Büchern und gesellschaftlich-kulturellen Zeitschriften sowie durch Aktivität an Universitäten) sowie in der Politik (durch Zusammenarbeit mit politischen Parteien, sofern dies möglich ist) usw.
  • Sie sollte sich darum bemühen, ein gut organisiertes, starkes und profiliertes Subjekt auf der politischen Szene zu sein.

 

Auf eben diese Weise funktioniert Krytyka Polityczna in Polen und in anderen Ländern Mittelosteuropas. Wir glauben, dass das Ethos der engagierten Intelligenz, das Modell einer auf einer sozialen Bewegung basierenden, starken Organisation, welche versucht, eine Brücke zwischen gleichberechtigten Bereichen der Aktivität und verschiedenen Milieus zu schlagen, auch in Berlin einen nützlichen Beitrag liefern kann.

 

Kuron als Antwort auf Sloterdijk

Die heutige Realität funktioniert nach einem Muster, welches zutreffend von Peter Sloterdijk beschrieben wurde. Wir leben in einem „Kristallpalast“, geleitet von der Logik „des zynischen Verstandes“. Wir sorgen uns um die Absicherung von individuellen Bedürfnissen und agieren pragmatisch für ein komfortables Privatleben. Wenn wir Widerstand leisten oder aktiv werden, tun wir das in einem geringen Maße, für eine einzige lokale Angelegenheit, die sowieso – und zwar sehr oft – dazu dient, uns eine angenehmere Existenz zu gewährleisten. Gibt es eine Alternative für eine so wahrgenommene Realität?

 Die Tätigkeit von Krytyka Polityczna wird von einer Person besonders inspiriert: Jacek Kuron. Kuron war seinerzeit Pädagoge, Gesellschaftsaktivist, Publizist, Schriftsteller, Denker und zugleich einer der ersten antikommunistischen Dissidenten. Erst trat er der Vereinigten Arbeiterpartei Polens PVAP (polnisch: Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR) entgegen, deren Mitglied und Aktivist er war, anschließend engagierte er sich bei der Gründung von Gruppierungen und Organisationen, die das institutionelle Bild der demokratischen Opposition beeinflusst haben: Er war Mitbegründer des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (poln. Komitet Obrony Robotników, KOR) und in der Anfangszeit der Solidarność einer der engsten Mitarbeiter von Lech Walęsa. Seine Biografie ist die eines Menschen, der vom Ethos des Dienstes an der Gesellschaft geleitet war und der sich für politische Veränderungen einsetzte, die zum Ziel hatten, die individuelle Freiheit und das Gefühl sowohl von einer Gruppen- als auch einer persönlichen Subjektivität zu stärken. Wir können den „Kristallpalast“ nur dann zerstören, wenn wir uns eine solche Haltung zum Vorbild nehmen, indem wir den persönlichen Komfort dem Handeln für die kollektive Freiheit opfern, unser Leben der Selbstorganisation widmen und mithelfen, starke und am Allgemeinwohl orientierte Institutionen zu errichten.

 

Eine Brücke zwischen Ost und West

Wir kommen nach Berlin als Gesandte einer neuen politischen Geografie. Unsere Organisation agiert von jenseits der Ostgrenze der Europäischen Union aus, wir haben Partner in der Ukraine und in Russland. Wir bemühen uns, mit Aktivisten aus möglichst vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks zusammenzuarbeiten. Es bestehen viele Parallelen zwischen den postkommunistischen Staaten: Sie haben eine ähnliche Sozialstruktur und durchlaufen den Prozess der wirtschaftlichen und politischen Transformation auf eine ähnliche Weise. Aber Ähnlichkeiten findet man auch in der historischen Erfahrung, dass es möglich sei, ein System zu ändern, sowie in einem immer noch lebendigen Modell des Engagements, der Selbstorganisation und des Handelns für solch eine Veränderung. Wir glauben, dass ähnliche Qualitäten – möglicherweise betäubt – auch in Deutschland zu finden sind, vor allem aufgrund der Geschichte der neuen Bundesländer. Wir würden sie gerne wieder an die Oberfläche holen, sie verdeutlichen/hervorheben und aktivieren.

 

Wir kommen nach Berlin, um zu lernen und Lösungen vorzuschlagen

Wir kommen auch nach Berlin, um zu lernen. In unseren Herkunftsländern ist das gesellschaftliche Engagement sehr schwach ausgeprägt. Die Vielzahl der in Berlin aktiv agierenden Gruppen, deren Praktiken, Vorgehensweisen und Modelle sind für uns ein Bereich, mit dem wir uns näher beschäftigen möchten. Wie kann man die Vielzahl der unterschiedlichen Arten von Aktivismus mit dem Verlangen in Einklang bringen, eine starke, möglichst universell handelnde Organisation zu errichten, und dabei die Ebene vieler Gebiete und Angelegenheiten berücksichtigen? Genau das wollen wir herausfinden.

 

Gleichzeitig bringen wir ein Angebot mit. Wir bieten unsere auf institutionellem Handeln basierende Vorgehensweise an, welche die Praxis der sozialen Bewegungen in Berlin bereichern könnte. Die Stadt müht sich mit vielen Problemen ab, über die viel diskutiert wird. Es gibt auch eine Reihe von Initiativen, die aus lokaler Sicht deren gesellschaftlich destruktive Folgen verhindern wollen. Aber vielleicht sollte man verstärkt universellere Lösungsvorschläge anbieten und anschließend versuchen, diese praktisch umzusetzen. Krytyka Polityczna hat Erfahrung in der Übertragung von theoretischen Ideen hin zu praktischen Lösungen sowie in der Transformation lokaler Probleme in die Sprache universeller Lösungen. Sie hat auch Erfahrung im Errichten von starken, gut organisierten Institutionen, deren Möglichkeiten, den Lauf der sozialen Ereignisse zu verändern, größer sind als jene von vielen, jedoch kleinen engagierten Gruppen.

 

Wir kommen nach Berlin, um Lösungen in Sozialpolitik, Recht und anderen Bereichen des gemeinschaftlichen Lebens kennenzulernen, mit denen Deutschland zweifellos als Beispiel für das Streben nach individueller Emanzipation, gesellschaftlichem Egalitarismus und Gerechtigkeit dienen kann. Wir beneiden die Deutschen um den Glauben an ihre eigene Subjektivität und den Mut, die Realität zu kritisieren. Dennoch möchten wir hier das Gefühl der Verantwortung für andere verbreiten, einen Reflex, der als Reaktion auf den eigenen Erfolg sofort dazu neigt, diesen mit anderen zu teilen. Womöglich ist das Vorbild des Dienstes an der Gesellschaft, welches einst bei der Herausbildung der engagierten Intelligenz entstand, und das einfordert, dass man den eigenen Komfort dem Allgemeingut opfern solle, genau jenes Element, um das man die deutsche Fertigkeit, den Lebensstandard zu heben, vervollständigen kann.

 

Die Kunst der Veränderung

Warum agieren wir in Berlin innerhalb des Bereiches der Kunst, im Rahmen der Berlin Biennale? Kurator der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst und zugleich künstlerischer Leiter unseres Magazins Krytyka Polityczna ist Artur Żmijewski. Unter seinen Mitarbeitern und Beratern finden sich wiederum viele unserer Aktivisten. Als Kurator verstand er es als natürliche Geste, einen Krytyka-Polityczna-Klub in Berlin zu gründen. Das Übertragen der Praxis von Krytyka Polityczna nach Berlin bildet für Artur Żmijewski zugleich einen Teil des Übertragens seiner eigenen künstlerischen Praxis überhaupt.

 

Aber die tiefere Antwort auf die Frage, warum wir im Rahmen der Berlin Biennale agieren, gibt uns im Grunde genommen die Antwort auf eine andere Frage: Warum sind Künstler wie Artur Żmijewski, Yael Bartana, Joanna Rajkowska, Wilhelm Sasnal und viele andere Aktivisten überhaupt Mitarbeiter oder Sympathisanten von Krytyka Polityczna? Sie sind es, weil wir wirklich an die Kunst glauben, an ihre Kraft, die Realität zu verändern, und die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe Werkzeuge anzubieten, welche die Effektivität dieser Veränderungen erhöhen können und die man mit Erfolg in anderen Bereichen sozialer Aktivität anwenden kann – darunter auch in der Politik. Wir beobachten die Kunst mit Aufmerksamkeit, schätzen ihre Fähigkeit, mit Sinnen, der Körperlichkeit, den zwischenmenschlichen Beziehungen zu arbeiten, und erachten ihre Fantasie als Prototyp der politischen Vorstellungskraft. Kunst ist für uns Politik in einem anderen Zustand der Konzentration, in dem man unglaublich wertvolle Mittel und Praktiken für eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung erzeugen kann.

 

von Katarzyna Fidos und Igor Stokfiszewski

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